Groundbreaking
Journalism


April 3, 2014, Berlin

Drohnenjournalismus: Zivile Datensammler in Aktion

Wird Drohnenjournalismus zum eigenen Genre? Werden Medienhäuser die fliegenden „Kopter“ bald gleich schwarmweise einsetzen? Und muss es eine Drohnen-Ethik geben? Beim Workshop am 25. Februar gab es viele Antworten, aber auch etliche neue Fragen.

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Eine Drohne im Stadtbild bietet in der Regel noch einen ungewohnten Anblick. Die Faszination für die von den unbemannten Flugobjekten angefertigten Bilder aber ist vielleicht gar nicht so neu. Sie bieten den „Gottesblick“, für den wir auch auf Berge steigen und Flugzeuge bauen, sagt der Journalist und Kommunikationswissenschaftler Max Ruppert. Mit sinkenden Preisen wird dieser Blick nun für immer mehr Einsatzgebiete interessant, auch für den Journalismus.

Dabei war es nicht der Journalismus, der die entscheidenden Anstöße in der Entwicklung der Drohnentechnik gab. Wie bei vielen anderen Technologien, sind es militärische Szenarien, die die unbemannte Flugtechnik ursprünglich vorangetrieben haben. Weil das Wort „Drohne“ bei vielen auch eher kriegerische Assoziationen hervorruft, spricht Ruppert lieber von „Koptern“. Ein Quadrokopter mit Kamera – also eine von vier Rotoren angetriebene Drohne – ist mittlerweile für unter 100 Euro in der einfachsten Variante im Handel erhältlich.

Neues Werkzeug – neues Genre?

Wofür diese sich im Journalismus einsetzen lassen, wird derzeit von noch wenigen Pionieren erprobt. Für den Datenjournalisten Lorenz Matzat sind sie vor allem als Datensammler interessant: Mit weiteren Sensoren ausgerüstet, könnten Drohnen etwa Mülldeponien oder Atomkraftwerke überfliegen und offizielle Messwerte überprüfen. Nicht nur als Flugobjekt, sondern auch zu Wasser und zu Lande sieht er Einsatzmöglichkeiten. „Wir werden viel mehr automatisierten Journalismus sehen, bei dem Algorithmen Berichte aus Daten generieren, die Drohnen gesammelt haben“, prognostiziert Matzat.

Drohnenpilot Fabian Werba demonstriert einen Quadrokopter-Flug im Berliner Münzsalon. Das Luftfahrzeug erreicht eine Geschwindigkeit von 50 km/h und kann etwa 15 Minuten lang Livebilder übertragen.

Doch gibt es einen Drohnenjournalismus als eigenes Genre? Oder sind Drohnen einfach ein weiterer Baustein im journalistischen Werkzeugkasten? Anschauungsmaterial liefert etwa der RBB, der eine Drohne einsetzt, um Stadtporträts in seiner Reihe „Brandenburg von oben“ zu erstellen. Max Ruppert sieht hier noch viel Potenzial für neuartige Erzählweisen. Dafür brauche es auch Mut in den Redaktionen, von alteingeübten Formaten und Einstellungen abzuweichen.

Auch Liveaufnahmen bieten ein Anwendungsgebiet, wie Matzat ausführt: Eine Drohne über einem Castor-Transport oder einer Demonstration kreisen zu lassen, könnte Journalisten nicht nur einen ersten Überblick verschaffen. Der Journalismus würde so auch im technischen Wettrennen mit Sicherheits- und Ordnungsorganen mithalten, die Drohnen hier bereits zu Überwachungszwecken einsetzen. Eine Verweigerung gegenüber den neuen Techniken – so ein Argument in der Diskussionsrunde – würde hingegen die Tendenz bestärken, Drohnen-Nutzung als „Herrschaftswissen“ in den Händen weniger zu belassen.

Günstige Drohnen, schwierige Rechtslage

Wie sich der Einsatz von Drohnen im Journalismus entwickeln wird, wird auch von wirtschaftlichen und technischen Parametern abhängen. Bei weiter sinkenden Preisen könnte ein Medienhaus bald einen ganzen Schwarm ausschicken oder in Bereitschaft halten, der Verlust einer einzelnen Drohne werde verkraftbar, so das diskutierte Szenario. Doch selbst bei professionellen Modellen gibt es noch einige Schwierigkeiten: Die Akkus reichen im Moment nur für etwa 20 Minuten Flugzeit. Auch werden Drohnen oft von einem Piloten und einem Kameramann gesteuert, also gleich zwei menschlichen Begleitern – der Personalaufwand wird nicht automatisch geringer, nur weil Drohnen im Einsatz sind.

Rechtlich stoßen viele Drohnen in ungeklärtes Gebiet vor. Szenarien wie ein investigativer Patrouillen-Flug über fremdem Gelände oder Veranstaltungen sind zunächst schlicht verboten. Gewerbliche Nutzer benötigen zudem stets eine Aufstiegserlaubnis der zuständigen Luftfahrtbehörden. „Während man in Berlin einen Zeitraum angibt, muss man in anderen Bundesländern für jeden Aufstieg eine Genehmigung bekommen“, schildert Fabian Werba die Praxis. Mit der von ihm gegründeten Firma macht der Mediengestalter Drohnen-Aufnahmen für Film und Fernsehen. Doch wo es nur Einzelfall-Erlaubnisse gibt, sind Live-Einsätze nahezu unmöglich. Nur Hobby-Nutzer haben es da einfacher.

Schließlich diskutiert die Runde im Berliner Münzsalon, wie Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte geschützt werden können. Paparazzi-Journalisten etwa ignorieren oft bestehende Regelungen – so wirft auch der zivile Drohnen-Einsatz alte Fragen neu auf. Erste Ansätze für einen Drohnen-Ethik werden im Journalismus ebenfalls diskutiert. Daneben wird auch das technische Wettrennen weitergehen: Was für Journalisten vielleicht schon bald die mobile Kameradrohne im Rucksack ist, könnte auch der passende Störsender zum Beispiel für Prominente werden: Standardausrüstung.

Bericht: David Pachali