Groundbreaking
Journalism


April 3, 2014, Berlin

Von Cablegate zu Offshore-Leaks und weiter: Die Internationalisierung der Recherche – und wie sie finanziert werden kann

Während Wirtschaft, Handel, Arbeit und vieles mehr schon lange im globalen Maßstab stattfinden, ist der Journalismus noch weithin an nationale Grenzen gebunden. Organisationen wie das ICIJ wollen das ändern.

 

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Zwar gibt es weltweite Verlage und einzelne Medien mit grenzüberschreitender Stahlkraft wie den Guardian, die New York Times oder Al Jazeera. Recherchen und redaktionelle Arbeit aber bleiben meist im nationalen Rahmen.

Erst in den letzten Jahren wird die Tendenz erkennbar, auch die Recherche in internationaler Kooperation zu organisieren. Etwa bei den Offshore-Leaks, den Diplomatendepeschen oder im aktuellen Überwachungs- und Spionageskandal. Das ist auch nötig, denn die Ereignisse und ihre Auswirkungen sind global, die Öffentlichkeit aber noch nicht. Zudem steht dem Journalismus immer weniger Geld zur Verfügung, und auch die Pressefreiheit ist in Gefahr, wie man jüngst in England beobachten konnte. Da wird Journalisten womöglich kaum etwas übrig bleiben, als Kräfte verschiedener Redaktionen zu bündeln, um ihrem Auftrag nachzukommen.

ZDF: Task Forces statt Recherche-Team

Dabei stehen sie vor verschiedenen Herausforderungen. Für eine Redaktion, die bislang auf ihr eigenes Blatt oder ihre eigene Sendung konzentriert ist, bedeutet es zunächst einmal: Perspektivenwechsel. Gerade bei einer 50 Jahre alten Einrichtung sei das nicht zu vernachlässigen, sagt Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF und Leiter der „Aktuelles”-Redaktion. Dabei scheinen Organisationen wie das ZDF mit weltweit 19 Auslands- und 16 Inlandsstudios eigentlich wie gemacht für die Internationalisierung der Recherche.

Um die dort gesammelte Expertise zu nutzen, setzt das ZDF bislang auf wechselnde task forces: unterschiedliche Konstellationen von Redakteurinnen und Redakteuren, die einen Teil ihrer Arbeit auf die jeweilige Geschichte verwenden und etwa zur Vogelgrippe, zu Terrorverbindungen oder zum Dopingskandal recherchieren – statt separater Recherche-Teams wie in vielen Zeitungen. Und wenn es um Vogelgrippe geht, kann auch mal ein Arzt dazugehören, daneben freie Journalisten als Fachexperten, wie Theveßen berichtet.

Konkurrenz oder Zusammenarbeit?

Auch die Jagd nach dem scoop scheint solchen Kooperationen Grenzen zu setzen: Welche Redaktion will schon die exklusive Geschichte mit der Konkurrenz teilen? Doch die Arbeit des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) zeigt, wie Kooperationen angestoßen und unterstützt werden können. Mehr als 160 Journalisten aus aller Welt gehören zum ICIJ-Netzwerk. Sie helfen den wenigen Festangestellten dabei, Kontakte zu Redaktionen herzustellen und sie davon zu überzeugen, dass eine Geschichte es wert ist, recherchiert zu werden. So können Stories auch internationaler bearbeitet werden. In einigen Fällen kann das überwiegend stiftungsfinanzierte ICIJ dann Journalisten mit Stipendien versorgen, so dass sie kontinuierlich an bestimmten Geschichten arbeiten können, wie Direktor Gerard Ryle erläutert.

Die Diskussion macht auch deutlich: Wo es um investigative Arbeit geht, die sich über die halbe Welt verstreut, braucht es Vertrauen. Zum einen zwischen Whistleblowern und Redaktionen: Anonyme Postfächer sind das eine, ein Vieraugengespräch das andere. Gerade das ist für viele Hinweisgeber in Zeiten der Überwachung entscheidend, aber zu oft treffen sie auf taube Ohren, so Gerard Ryle. „Viele Medienhäuser haben die Leute entlassen, mit denen die Menschen von draußen einen ersten Kontakt aufnehmen können, wie Rezeptionisten und Assistentinnen. Aber man verschenkt als journalistische Institution viele Chancen, wenn dann 99 von 100 Anrufern nicht durchkommen.“ Ryle erinnert daran, dass Chelsea Manning gleich mehrere Redaktionen angesprochen hatte, um ihnen die Informationen zur Verfügung zu stellen, aber immer abgewimmelt wurde. Erst später wandte sie sich an Wikileaks, wo sie schließlich ernst genommen wurde.

Woher das Geld kommt

Ein weiterer Schwerpunkt: die Finanzierung derartiger Projekte. Soll das ICIJ Geschichten an Redaktionen verkaufen? „Die einzige Währung, die ich für Reporter habe, ist eine gute Geschichte”, sagt Ryle; eine Nachrichtenagentur sei das ICIJ nicht und wolle es auch nicht sein. Für institutionelle Mitglieder denkt Ryle jetzt über ein Gebührenmodell nach. Aber sein Job als Direktor des ICIJ bestehe zu einem Großteil daraus, mit möglichen Geldgebern zu sprechen. Regierungsgeld nimmt die Organisation nicht; derzeit wird sie von einigen großen Stiftungen finanziert, wie der holländischen Adessium Foundation, der britischen Open Society Foundations von George Soros und der Ford Foundation aus den USA.

Für die öffentlich-rechtlichen Sender stellt sich die Frage naturgemäß anders. „Wir könnten auch mehr mit Verlagen zusammenarbeiten und würden das auch gern tun”, sagt Elmar Theveßen. So könnte ein Sender Bewegtbild zu einer Geschichte liefern, Verlage die Textversion. Bewusst skizziert er ein Gegenmodell zur medienpolitischen Schlacht der letzten Jahre. Vor solchen Unternehmungen aber stehen wichtige Hürden: Wettbewerbs- und Beihilferecht setzen den Kooperationen enge Grenzen.

An anderen Enden bewegt sich dennoch etwas, wenn auch im kleinen Maßstab: Der Wahlkampf-Faktencheck zusammen mit Wikipedia-Autoren zeige, wie man Recherche-Prozesse öffnen und Erfahrungen sammeln kann. „Das ist neu für uns”, sagt Theveßen. Es ist ein Satz, der an diesem Nachmittag im Berliner Münzsalon mehrmals fällt. Kein schlechtes Zeichen.

Bericht: David Pachali